Dienstag, September 04, 2007

Von Pizzabrötchen und einem Traum

Es gab einmal eine Zeit, sie muss wohl schon länger zurück liegen, da freute man sich richtig auf Familiengeburtstagsfeste. Ich spreche hier nicht nur von denen für Mama, Papa und Schwestern, nein vor allem auch die von Tanten, Onkel, Omas und Cousinen seien hier angesprochen. Dies mag zum einen an der damals natürlich auch noch kindlichen Freude an allem Belanglosen festzumachen sein, vor allem aber auch an den Gaumenfreuden, die einem stets von einer Oma, Tante oder Mama voller Stolz serviert wurden. Gemeint ist im Übrigen nicht die kalorienreiche Geburtstagstorte, die wenngleich meist schmackhaft, für mich nie den Höhepunkt des durch und durch magenfüllenden Tages darstellte, sondern von der schönen Brotzeit, die meist so um 18 Uhr auf mehreren Tabletts in die Stube gebracht wurde. Was lachte da das Herz, wenn sich neben Frischwurstaufschnitt, Brezenkorb, Käsetablett, Essiggurkenschüsserl oft auch noch der ein oder andere Fleisch-, Wurst- oder Nudelsalat drängte. Der unterhaltungsreiche Tag fand so ein stets pompöses Ende.
Viele Jahre ging das so, bis, ja bis plötzlich die sowohl von Tante Monika als auch von meiner ehrenwerten Mutti (meiner Meinung nach zu unrecht) belesene TINA - Frauenzeitschrift etwas lostrat, was kommende familiäre Zusammenkünfte in Ihren Grundfesten erschüttern sollte. In einer schicksalshaften Ausgabe, die ich gefühlsmäßig kurz vor die Jahrtausendwende datieren möchte, befand sich ein Rezept für eine Alternative zu oben genannten wohlbewährten abendlichen Speisen, das mir künftig den ein oder anderen Geburstag ordentlich vermiesen sollte. Die Rede ist vom

PIZZABRÖTCHEN.

Die Grundidee ist einfach. Man schneide eine einfache Semmel horizontal in zwei Hälften und belege sie mit einem undefinierbaren Brei aus Käse, Tomatenmark, Gewürzen, Schinkenstückchen und weiß der Kuckuck, was einem die eigene Kreativität sonst noch an Ideen bietet. Anschließend rein in den Backofen und voilà, fertig ist das Pizzabrötchen. Als ich dieses, nun ja, Ding zum ersten mal sah, hatte ich wenig Zweifel, dass meiner Tante ein weiterer Gaumenschmaus gelungen war. Skeptischere Blicke waren da schon vonseiten älterer, um nicht zu sagen konservativerer Familienmitglieder zu sehen. Voller Vorfreude stürzten sich zuerst die Jungen (mich eingeschlossen) auf das neue unbekannte Etwas. Ich biss hinein in das noch ziemlich heiße Brötchen und war schon bald ernüchtert. Was vielversprechend aussah entpuppte sich meines Erachtens sehr schnell als Speiserohrkrepierer. Es schmeckte nicht wirklich schlecht, aber es hatte etwas an sich, was wir in der bayerischen Landessprache als "gei" bezeichnen. Das heißt in etwa, dass es schnell satt macht und man einfach nicht viel davon hinunterbeckommen kann. Vor allem fühlt sich der Geschmack - wie soll ich sagen - nicht richtig an. Die gewöhnliche Semmel vom Bäcker ist für einen solchen "Aufstrich" einfach nicht geeignet. Nach zwei Stück Pizzabrötchen hatte ich schon genug.
Das eigentliche Drama bei der Sache war aber, dass es mir so vorkam, als dass sämtliche anderen Anwesenden den Eindruck machten, Ihnen würde dieses vorher noch überaus misstrauisch beäugte italobavarische Komposium außerordentlich munden. So war es also geschehen. Das Rezept breitete sich aus wie ein Lauffeuer und kommende Feiern sollte für mich die Hölle werden. Wo früher noch oben genannte, gutbürgerliche Speisen neckisch den Buffettisch füllten, waren die Pizzabrötchen nun allgegenwärtig, wie sie da lieblos auf ihren Tellern in Reih und Glied auf Ihren Konsumenten warteten. Während ich litt, strahlten Gäste und Pizzabrotservierer um die Wette, es war zum verzweifeln. Eines nach dem Anderen wurde von Jung und Alt in sich hineingestopft, der Nachschub schien nicht abzuebben. Zähneknirschend und in Ermangelung an Alternativen beteiligte ich mich so gut es ging - und ertrug - an diesen Fressorgien.

Die Zeit verging....

Während ich aus dem jugendlichen Alter ins Erwachsensein hinüberglitt, verringerte sich auch die Zahl der Familienfeste, denen ich beiwohnte. Mehr schon nebenbei nahm ich zur Kenntnis, dass sich die Lage allmählich normalisierte. Neben dem Pizzabrötchen wurden zunehmend auch wieder traditionelle Mahlzeiten serviert. Es war fast wieder wie früher, doch letztlich machte es mir ohnehin nichts mehr aus. Zeitsprung.....
Es ist der 25.09.2007. Eine Freundin, Kerstin, lädt mich zur Feier ihres 25. Geburtstages ein. Selbstverständlich komme ich. Es verspricht ein unterhaltsamer Abend zu werden. Viele nette Leute sind anwesend, die ich zwar nicht kenne, mit denen man sich aber offensichtlich gut unterhalten kann. Plötzlich naht Kerstin mit zwei Tabletts, die sie auf die beiden Biertische stellt. In ihren leuchtenden Augen spiegeln sich die Pizzabrötchen...

Ich schlage die Augen auf. Mein Wecker sagt mir es ist kurz nach 9 Uhr. Es ist Sonntag, ich bin froh, dass ich noch weiterschlafen kann. Noch etwas schlafen, nur ein bisschen noch. Da ich ohnehin noch nicht richtig wach bin, versuche ich den Anschluss wieder zu finden. Ich will zurück an diesen Ort, zurück zu dir, meine unbekannte Schönheit, zurück in meinen Traum. Ich sitze an einem Steg, ganz vorne, wo die Gangway der Schiffe aufschlägt. Sitzend lehne ich an einem Holzbalken. Ich bin nicht alleine. Du bist bei mir, du namenlose Göttin mit deinem dunklen langen Haar. Ich halte dich fest an mich, als ob jemand versuchen würde, dich von mir wegzureißen, dabei sind wir ganz alleine, du und ich. Du umarmst mich, genau wie ich dich, weil du mich ebenso brauchst. Eine weiße, warme Decke umhüllt uns, schützt und vor dem strengen Wind und dem nahenden Sturm, der aufgezogen ist an diesem grauen Tag. Eingehüllt von der Decke sehe ich ich nur noch dein Gesicht, deinen Kopf, wie er sich an mich schmiegt, dein langes braunes Haar. Ich küsse deine Stirn. Deine Augen sind zu. Träumst du etwa auch? Bist du irgendwo da draußen und träumst den selben Traum wie ich?
Mit diesem schönen Gedanken kämpfe ich nicht länger gegen das Aufwachen an. Der Tag beginnt, das Bild bleibt in meinem Kopf.

Kommentare:

Brubaker hat gesagt…

Hab ich mir doch gedacht, dass du an deinem "freien" Tag deinen Blog aktualisierst. ^^

Ist dir aber gut gelungen. Lediglich die Abgrenzung der beiden voneinander unabhängigen Geschichten hat sich mir nicht sofort erschlossen.

Alex hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Alex hat gesagt…

Schön, dass du eine Verbindung entdeckt hast. Beabsichtigt war jedenfalls keine ;)